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Eine Kerze anzünden in Zeiten der Not

Wenn wir doch in dieser schwierigen Zeit in der Kirche Gottesdienst feiern oder zumindest eine Kerze anzünden könnten?

Diesen Wunsch verstehe ich gut; ich teile ihn sogar. Wir haben dort diese wunderschöne Kirche und die prachtvolle Orgel und nutzen sie jetzt nicht. Das ist nicht gut, sagt uns unser Gefühl.

Ich stelle mir vor, es hätte schon im Mittelalter das Virus gegeben hätte, das jetzt fast allein unser Denken und Handeln bestimmt. In Brackwede hätte davon niemand was gemerkt. Dass irgendwo in der Umgebung 1 oder 2 Menschen Atembeschwerden bekommen hätten und anschließend verstorben wären, das kommt schon mal vor. Alles wäre weiter seinen gewohnten Gang gegangen. Aber dann wären immer mehr erkrankt. Anfang nur wenige, später dann immer mehr, bis es schließlich fast alle erwischt hätte. Die Kirchen wären voll gewesen, überfüllt. Ihrer Not hätten die Menschen sich nicht anders zu helfen gewusst. Dass so viel krank geworden wären, wäre für sie eine Strafe Gottes gewesen. Sie hätten ihn mit Gebeten gnädig stimmen wollen. Sie hätten im besten Glauben gehandelt – und doch gerade dadurch dazu beigetragen, dass sich immer mehr ansteckten. Manche hätten die Krankheit ohne große Probleme überstanden. Manche hätten noch nicht einmal bemerkt, dass auch sie das Virus in sich trugen. Einige aber wären an der Krankheit verstorben. Selbst wenn es nur jeder zehnte gewesen wäre, oder auch nur jeder hunderte, es wären doch so viele gewesen, dass man sie nicht einmal mehr halbwegs normal hätte beerdigen könnten. Ich erspare es mir – und Ihnen, das Bild weiter auszumalen. Über die Pest damals können sich alle, die das möchten, heute leicht informieren.

Gott sei Dank leben wir heute nicht mehr im Mittelalter. Gott sei Dank gab es in der Medizin seitdem riesige Fortschritte. Wir wissen viel mehr über Viren. Die Fachleute verstehen zwar immer noch nicht alles, aber doch unendlich viel mehr als im Mittelalter. So können sehr, sehr viele Menschen gerettet werden, allerdings nur unter Aufbietung aller Kräfte und auch dann längst nicht alle. Wir sollten alle gemeinsam alles uns Mögliche tun, aber wir sollten von uns – und auch von anderen – nichts Unmögliches verlangen.

Und wir sollten Gott danken, dass wir von dem Wissen und der Erfahrung profitieren können, die andere Menschen bisher schon gesammelt wurden.

Deshalb möchte ich als Pfarrer in dieser Zeit auch nicht dazu einladen, in der Kirche eine Kerze anzuzünden.

Ich weiß zwar, dass das vielen Menschen gut tun würde. Ich weiß aber auch, dass die Ansteckungsgefahr steigt, wenn viele Menschen an einem Ort zusammenkommen. Als Pfarrer habe ich auch gelernt und selbst erfahren, dass Gott unsere Gebete hört, egal ob wir dabei eine Kerze anzünden oder nicht, egal ob wir in der Kirche beten oder zuhause.

Wenn ich heute sehen würde, dass an einen Ort – in einer Kirche oder sonst wo – viele Menschen Kerzen anzünden würden, dann würde mir das Angst machen. Wenn ich aber erlebe, dass in den Fenstern einiger Häuser Kerzen brennen, wenn mir Menschen bei meinem Gang durch Brackwede vom Balkon aus zuwinken, dann freue ich mich und denke: „Die haben verstanden, was in dieser Zeit wichtig ist, auch Gott wichtig ist.“ Und ich winke zurück.

Wie einfach es doch manchmal ist, auch in schwierigen Zeiten Gutes zu tun.

Ulrich Meyer-Gieselmann, Pfarrer

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