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Andacht im Presbyterium Brackwede am 13.05.2020 (2. Könige 6,8-23)

Pfr. Ingo Stucke

Liebe Schwestern und Brüder,

nun schon genau zwei Monate „Lockdown“. An einiges haben wir uns gewöhnt, mit immer neuen Regelungen werden wir auf Trab gehalten. Aber was bleibt, ist die Befürchtung, das vieles kaputt gehen könnte: An wirtschaftlicher Existenz, an sozialen Kontakten, an menschlichen Beziehungen.

Und für unsere Gemeinde stellen wir uns die Frage: Was ist an Gruppen und Kreisen und Kommunikationszusammenhängen „über den Jordan gegangen“. „Über den Jordan gehen“ – dieses Wort stammt aus dem 2. Buch der Könige. Der Prophet Elia spürt, dass sein Ende kommt. Er macht sich auf zusammen mit seinem Prophetenschüler Elisa. Beide durchschreiten den Fluss wie einst Mose das Rote Meer. Es folgt ein bewegender Abschied und der Nachfolger ringt damit, ob er all dem gewachsen ist, was sein Vorgänger ihm zutraut und anvertraut.

Doch darum soll es nicht gehen. Wie Elia mitten in den Auseinandersetzungen und Machtkämpfen des Nahen Ostens stand, so auch Elisa. Er berät erfolgreich den König von Israel, so dass der König von Aram, also der Herrscher von Syrien, einfällt um Elisa zu fangen. Denn er wittert Spionage, Geheimnisverrat, Wikileaks seiner militärischen Pläne.

Da sandte er hin Rosse und Wagen und ein großes Heer. Und als sie bei Nacht hinkamen, umstellten sie die Stadt.

Und der Diener des Mannes Gottes stand früh auf und trat heraus, und siehe, da lag ein Heer um die Stadt mit Rossen und Wagen. Da sprach sein Diener zu ihm: O weh, mein Herr! Was sollen wir nun tun?

Er sprach: Fürchte dich nicht, denn derer sind mehr, die bei uns sind, als derer, die bei ihnen sind!

Und Elisa betete und sprach: HERR, öffne ihm die Augen, dass er sehe! Da öffnete der HERR dem Diener die Augen, und er sah, und siehe, da war der Berg voll feuriger Rosse und Wagen um Elisa her.

Ja, manchmal braucht es einfach ein Gebet, um eine neue Perspektive zu gewinnen. Manchmal müssen denen, die gerne nur das schlechteste Szenario annehmen, die Augen geöffnet werden.

So wie das syrische Heer über Nacht vor den Toren stand, so plötzlich ist die Pandemie mit den nötigen Schutzmaßnahmen über uns gekommen. Und ja, auf den ersten Blick schaue ich danach, was nun nicht mehr geht. Und es macht mir Angst, so wie dem Diener des Propheten. Aber Gottes Wort ermöglicht mir einen zweiten, hoffnungsvollen Blick: Wieviel Achtsamkeit und Nächstenliebe, wieviel Kreativität und Solidarität in den letzten Wochen entstanden und gewachsen ist.

Wie geht das mit Corona aus? Ich weiß es nicht, ich bin kein Prophet! Wie geht es mit dem Propheten weiter, seinem Diener und den Bewohner der Stadt Dotan aus, die belagert sind, also auch von der Umwelt abgeschnitten, in Isolation und sogar in höchster Lebensgefahr? Es ist ein überraschendes Happy End: Auf Elisas Bitten und Gebet hin schlägt Gott die syrischen Belagerer mit Blindheit. Der Krieg fällt aus, Elisa führt sie nach Samarien vor den König Israels. Dort öffnet Gott den Kriegsgefangenen die Augen. Nach orientalischer Sitte will der König von Israel, der ja nun gar nichts zum Sieg beigetragen hatte, die überwältigten Feinde töten. Doch auch dem König von Israel wird durch das Prophetenwort eine neue Sichtweise eröffnet:

Du sollst sie nicht erschlagen. Erschlägst du denn die, die du mit Schwert und Bogen gefangen hast? Setze ihnen Brot und Wasser vor, dass sie essen und trinken, und lass sie zu ihrem Herrn ziehen!

Da wurde ein großes Mahl bereitet. Und als sie gegessen und getrunken hatten, ließ er sie gehen, dass sie zu ihrem Herrn zogen. Seitdem kamen streifende Rotten der Aramäer nicht mehr ins Land Israel.

Gnade vor Recht, großzügig den ersten Schritt tun, das kann der erste Schritt zu einem dauerhaften, nachhaltigen Frieden werden. Das erbitten wir für die Kriege und Konflikte diese Welt.

Und was erbitten wir für unsere Gemeinde? Auf Kreta nahm ich mal an einer mehrstündigen orthodoxen Messe teil, die der Pope mit nur wenigen Dorfbewohnern zelebrierte. Hinterher frug ich ihn, ob für die paar Besucher nicht auch eine Andacht genügt hätte? Verständnislos schaute mich der griechische Kollege: Ob ich denn nicht gemerkt hätte, dass in der göttlichen Liturgie die Wolke der Märtyrer und Heiligen, der himmlischen Heerscharen anwesend seien und mitfeierten? Ich war beschämt. Seitdem achte ich mehr darauf, was „alles geht“. Und auch, wenn etwas „über den Jordan geht“, muss uns das als Gotteskinder nicht schrecken. Ganz im Gegenteil: Es ist Teil unserer Hoffnung. Amen.

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